KALYPSO

ich legte den sommer
in deine hände
und eine bittere mandel
dazu

dann verschloss ich
deine lippen mit meinen
öffnete deine augen
und lehrte dich
schweigsames staunen
über die dinge jenseits
des worts

(pia sarda)

DIALOG

ich bin stark, sagte die gewalt
ja, sagte die liebe

ich habe macht, sagte die gewalt
so scheint es, sagte die liebe

ich hasse dich, knurrte die gewalt
die liebe schwieg

mir ist kalt, brüllte die gewalt

komm, sagte die liebe

und fachte mit bloßen händen
ein feuer an

(pia sarda)

NACHTS

wenn du zu mir kommst, n a c h t s
wenn die straßen schweigen und kein
scheinwerfer mehr muster scheucht
über fenster, tapeten und unser bett

n a c h t s, wenn du zu mir kommst
stille ich deinen durst

wenn du zu mir kommst, n a c h t s
wo der strand unter dem pflaster schläft
wo weiße motten um träume schwirren
und die mondhelle blume leuchtet
die der grelle tag glatt übersehen hat

n a c h t s, wenn du zu mir kommst
küsse ich deine geschundenen hände
und deine lider, müde von tagesbildern
und dein pochendes, sorgendes heldenherz

dann male ich blaue zeichen auf deine brust
kreise, spiralen und hexenformeln

n a c h t s, wenn du zu mir kommst
nehm ich dich ganz in mich auf
mit flüstern und schreien und allem
was du oder ich und niemand als wir
uns jetzt wünschen

n a c h t s, wenn du bei mir bist
nimmst du mich ganz in dich auf

n a c h t s, wenn wir bei uns sind
berge ich meine fäuste in deinen achselhöhlen
zwei müde vögel in warmen nestern

und erst wenn die amsel singt
schlafen wir ein

( pia sarda / Mai 06 )

Auszug aus (HERR KLEINSTEIN IM SCHNEE)

Kap.III / Können Steine träumen?

Herr Kleinstein überlegte, wohin er als nächstes wandern sollte.
Aber wenn man unterwegs ist, um die Welt kennenzulernen, ist das eigentlich egal.
Man kann überall damit anfangen und überall damit weitermachen.
Der Himmel war blau, und die glitzernde Landschaft glich einer geheimnisvollen
Wüste. Wiesen, Felder, Pfade und Wege, alles sah beinahe gleich aus.
Hier kann man gut still sein, dachte Herr Kleinstein. Er vergaß alle Gedanken
und schaute lange in die leuchtende Leere.
An einer Stelle ragten weiße Blüten aus dem Schnee,
in manchen schimmerten Tautropfen. Ihre Gesichter sahen freundlich aus, so,
als ob sie ihm zulächelten. Er beugte sich staunend darüber,
denn jede einzelne war für ihn groß wie ein kleiner Seerosenteich.
„Alles ist kahl, verschneit und erfroren. Warum blüht ihr mitten im Winter?” fragte er verwundert.
„Wir erinnern an das immerwährende Leben”, antworteten die Christrosen.
„Das klingt schön”, sagte Herr Kleinstein und beschloss, es nie zu vergessen.
Im nächsten Moment hörte er aufgeregtes Piepsen. Etwas kullerte vor seine Füße,
es war eine Haselnuss, die eine kleine Spitzmaus vor sich her gerollt hatte.
Verdutzt schaute die Maus zu ihm hoch. „Muss man sich vor dir fürchten?”
wisperte sie ängstlich. „N-nein”, stotterte Herr Kleinstein,
der sich genauso erschrocken hatte. Noch nie vorher war er einer Maus so nahe gewesen.
Als er die Haselnuss sah, spürte er, wie hungrig er war.

III / 2

„Blöde Nuss”, piepste die Maus. „Kullert vor mir weg,
und dann hat der Winter auch noch meine Vorratskammern zugeschneit.” - „Blöde Nuss!
Dummer Schnee!” schimpfte sie. „Hast du denn viele Nüsse in deinen Kammern?”
erkundigte sich Herr Kleinstein.
„Na,das kannst du wohl glauben”, erwiederte die Maus stolz.
Herrn Kleinstein lief das Wasser im Mund zusammen. Am allerliebsten hätte er die Nuss gepackt
und wäre damit weggerannt. Wenn die Maus ihn verfolgt hätte, hätte er
ja bellen können wie ein Hund oder krächzen wie ein Rabe.
Gerade da sagte die Maus:”Wirklich nett von dir, dass
du mir keine Angst machst. Wir Mäuse müssen uns meistens fürchten,
wenn wir Fremden begegnen, weißt du.” Sie nahm die Haselnuss in ihre zierlichen Pfötchen.
„Allein essen ist so langweilig. Ich würde dich gern zu
Nussmus einladen, hast du Lust?”
„Nussmus?” fragte Herr Kleinstein. „Was ist das?”
Die Spitzmaus erklärte:„Ich kaue alles ein bisschen durch,
dann wird's weich wie Kompott,und dann kriegst du die Hälfte.”
„ähm...ich glaube, ich hätte meine Hälfte lieber ohne
Vorkauen, - ob das wohl geht?” sagte Herr Kleinstein.
Die Spitzmaus machte ein komisches Gesicht.
„Du bist wohl kein Feinschmecker, was?” tadelte sie.
Aber dann biss sie die Haselnuss mit ihren scharfen
Zähnchen ganz genau in der Mitte durch und reichte die
Hälfte ihrem neuen Bekannten. - Hmm, das schmeckte gut!
Die Sonne sank tiefer, und die Maus verabschiedete sich.
„Bis später mal”, piepste sie und trippelte davon.

III / 3

Wind kam auf und pustete einen Felsen frei. Für einen
Menschen wäre er nicht größer gewesen als ein Feldstein am
Wegrand. Für Herrn Kleinstein aber war er groß wie ein
Berg, der sich urplötzlich vor ihm auftürmte.
„Du bist bestimmt sehr alt”, sagte er zu dem Felsen. „Ihr
Steine seid doch viel älter als Blumen und Bäume.”
Der Felsen träumte gerade und sagte nichts dazu.
„Ihr habt immer so ausgesehen, so karg und grau”, rief
Herr Kleinstein. „Ihr habt keine Blätter, Beeren oder
Nüsse. Ihr könnt euch nicht mal bewegen wie ein Grashalm.
Und du stehst mir im Weg, wo ich weiterwandern will!”
Jetzt ärgerte sich Herr Kleinstein so richtig über den
stummen Felsen.
„Wozu seid ihr Steine eigentlich gut?” rief er.
„Wir erinnern an die Geduld”, antwortete der Felsen ruhig
und träumte weiter.
Die Abendsonne malte die Landschaft bunt. Orange wie ein Kürbis
leuchteten die Schneewiesen, blau wie Pflaumenmus
wogte der Wald, und ganz zuletzt wurde der Himmel grün wie
frischer Pfefferminztee.
Herr Kleinstein erreichte einen Hügel, wo ein verkohlter
Baumstamm einsam emporragte. Im Sommer war ein Blitz eingeschlagen
und hatte die mächtige Blätterkrone
gefällt. Herr Kleinstein berührte die schwarze Rinde.
„Früher warst du bestimmt ein sehr schöner Baum”, sagte
er. „Aber wozu bist du jetzt noch da? Hörst du mich
überhaupt?” - „Natürlich höre ich dich.”
Die Stimme des Baums rauschte leise wie Blätter im Wind.
„Meine Rinde ist Höhle und Nahrung für Tausende Lebewesen,
viele so winzig, dass nicht einmal du sie sehen kannst.”

 
DBG: